Essay
Spielen in der Höhle des Löwen
Beim Schreiben der Texte für die Homepage ist mir immer öfter das Wort „Spiel“ in den Sinn gekommen. Nicht zufällig findet sich in diesen gleich zwei Mal Schillers Einsicht „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Tatsächlich ist es so – egal ob im szenischen oder im Gedankenspiel - dass wir uns im Spielen frei in unserem Möglichkeitshorizont bewegen. Wir nehmen das, was uns vorgegeben ist, nicht einfach nur hin, sondern gestalten, verwandeln es gar. Und wir entdecken neue Möglichkeiten, die wir davor nur dunkel geahnt haben. Im Spiel stehen uns die Potenziale auf einmal deutlich vor Augen.
Ich spiele gern.
Ich habe eine siebenjährige Tochter. Sie wohnt weit entfernt von mir – in Berlin. Doch wenn wir uns sehen, tauchen wir sogleich in eine Welt des Spiels ein – mit Schleich-Pferden, Barbie-Puppen, mit dem, was wir gerade finden, oder eben nur mit uns selbst. Übrigens muss ich immer die Menschen spielen und dauernd sprechen, und sie ist immer das Pferdlein, der Wolf, der Seelöwe usw. Seis drum: In ihr finde ich meine Meisterin. Sie ist unermüdlich und treibt mich von Spiel zu Spiel. Wenn ich mitunter eine Pause brauche (und da merke ich mein Alter), muss ich selbst dies als Spiel inszenieren: Ich gebe ihr meine Uhr und sage ihr, dass sie genau auf den Zeiger (deshalb hab ich keine Digitaluhr) Acht geben müsse, sonst käme die Zeit nicht voran und das nächste Spiel könne dann nicht anfangen.
In meinen Seminaren spiele ich aber auch häufig mit älteren Menschen. Dazu fällt mir eine Aussage des Aachener Komikers Globo ein: „Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden, sondern wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen.“ Tatsächlich ist ja so, dass, je älter wir werden, die Vergangenheit immer mehr Gewicht bekommt. Unsere Vorgriffe auf die Zukunft werden kürzer oder der Raum der Erinnerungen wird immer größer. Diesem ehernen Lebensgesetz können wir ein Schnippchen schlagen. Wie? Indem wir spielen. Im Spiel schaffen wir ständig neue Welten. Und vor allem sind wir, wenn wir es recht tun, immer im Jetzt – selbst dann, wenn wir unsere Erinnerungen nachspielen. Das ist selbst dann eine große Freude, wenn es nicht ganz die Erfüllung bringt, mit der Marcel Proust in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ seinen Helden beglückt.
Aber das ist doch bloß Spiel! Im Spiel können wir für Momente dem Alltag entfliehen; nachher holt er uns gnadenlos ein! Das kann sein, muss aber nicht. Nämlich dann nicht, wenn wir das, was wir im geschützten Raum des Spiels erleben, Ernst nehmen und es wirklich in unser Leben bringen. Mir fallen ein paar Liedzeilen aus Kindertagen ein: „Nehmt Abschied Brüder, schließt den Kreis, das Leben ist ein Spiel, und wer es recht zu spielen weiß, der gelangt ans rechte Ziel.“ Fast immer, wenn ich früher dieses Lied singen musste (Singen war überhaupt eine Tortur für mich damals), musste ich innerlich weinen – nicht so sehr wegen der Abschiedsstimmung, die darin anklingt. Vielmehr fand ich es gemein und fühlte mich zugleich ohnmächtig, dass jemand das Leben, das so viel Leid und Schmerz über mich brachte, als ein Spiel betrachtete. Das ist gemein, schrie ich innerlich auf. Sie müssen wissen: ich hatte eine überaus herausfordernde Kindheit (wer hat das nicht?). Alles rebellierte innerlich dagegen.
Heute ist es anders: Durch das Spielen – und hier muss ich einräumen, dass es eindeutig mehr das Theater- als das philosophische Spiel war – befreite ich mich von einem großen Teil dieses Leidens. Seitdem weiß ich, Spiel und Ernst schließen sich nicht aus: Das Gegenteil des Spiels ist nicht der Ernst, sondern die Zwanghaftigkeit; und das Gegenteil des Ernstes ist nicht das Spiel, sondern die Leichtfertigkeit. Spiel und Ernst dagegen bedingen sich einander geradezu.
Was ist nun aber ein ernstes Spiel?
In meinem Seminar „Der Tod als Ansporn im Leben“ (ein Motiv des dänischen Philosophen, Kirchenkritikers und Urchristen Sören Kierkegaard) führe ich die Teilnehmer (es sind größtenteils Frauen) dahin, sich möglichst direkt und konkret vorzustellen, dass sie nur noch drei Monate zu leben hätten, und am Ende – in einer Meditation – sogar, dass sie gerade im Sterben lägen. Ein Spiel gewiss – doch eben ein ernstes. Denn der Gedanke an den eigenen Tod bündelt wie keine andere Vorstellung die Sicht auf sich selbst: Was will ich wem noch unbedingt mitteilen, welcher Konflikt duldet im Angesicht des Todes keinen Aufschub mehr, was will ich wirklich noch in mein Leben lassen, damit ich in Frieden (und so mit weniger Angst) sterben kann. Mit Hesses Worten (den ich sonst nicht so mag): „Werde wesentlich!“ Wenn ich die Einsichten, die aus dieser Übung - oder eben aus diesem Spiel – auf mich zukommen, Ernst nehme, dann kann mein Leben eine neue Wendung nehmen. Und zwar nicht erst dann, wenn mich eine tödliche Krankheit ereilt, sondern JETZT, da ich noch alles in die Tat umsetzen kann. Mir kommt dazu ein Satz meines philosophischen Lehrers Michael Theunissen in den Sinn: "Der im Ernst gedachte Gedanke an den Tod ermöglicht erst wahres, wirklich gelebtes und gerichtetes Leben."
Ein bisschen anders liegt der Fall im Theaterspiel: Wenn ich in eine neue Rolle schlüpfe, so mache ich mich von dem Lebensmuster, nach dem ich bisher gelebt habe, ein Stück weit los – ein Muster übrigens, das meist nicht viel mit dem zu tun hat, wie ich gemeint bin (von wem?). Zugleich entdecke ich Facetten in mir, die bisher verborgen oder gar verschüttet waren. Denn eine Rolle kann ich nur dann glaubhaft spielen, wenn ich das Potenzial, das in mir selbst liegt, zum Leben erwecke. Selbst wenn ich eine Rolle spiele, die nicht positiv im Leben steht (zum Beispiel eine eifersüchtige Frau – auch in meinen Theaterkursen sind vor allem Frauen), kann mir das helfen, mich zu verwandeln. Denn indem ich die Eifersucht im Spiel annehme, erhebe ich mich zugleich über diese und lerne damit souverän zu sein.
Noch weiter gedacht: Ich entdecke, dass ich kein vom Weltdrama abgeschlossenes Wesen bin: Ich bin eine Figur im großen Weltspiel - zum Beispiel im allgegenwärtigen Krieg der Geschlechter. Doch indem ich eine Rolle bewusst annehme und entwickle – und sei es die der eifersüchtigen Frau oder die des schweigenden Mannes – bin ich nicht nur Marionette, sondern zugleich Akteur (Schauspieler heißt auf Englisch ganz sinnig „actor“), der seinem Schicksal nicht ausgeliefert ist, sondern es gestalten, ja sogar wenden kann. Und so kann das Theaterspiel dazu beitragen, die Tragödien in und um uns zu lösen. Dies ist eine wesentliche Absicht des Projekts „theater existenziell“.
So bleibt nur noch eine Frage: Warum habe ich mein Projekt gerade in Nürtingen gestartet?
Nicht-Nürtinger müssen wissen, dass es hier ein großes Unternehmen gibt, das Bohrmaschinen, Schwingschleifer und so herstellt. Auf den riesigen, grünen LKWs dieser Firma prangt der Slogan „Work, don’t play“. Einen solchen habe ich in Berlin, wo ich lange gelebt habe, gesehen. Und da war mir klar: Du musst da hin, wo diese Laster herkommen! Ja, ich habe mich in die Höhle des Löwen begeben, um hier den Kampf für das Spielen ein für alle Mal und weltweit zu entscheiden! Wenn die Nürtinger das Spielen lernen, dann kann es auch die ganze Welt! Das war und ist meine feste Überzeugung, die auch dramaturgisch ganz reizvoll ist (ich bin so etwas wie der oder die Momo des Spiels).
Der Erfolg meines Projekts macht mich leise optimistisch. Doch einschränkend möchte ich sagen, dass sich für mich Arbeiten und Spielen nicht ausschließen – hier gilt dasselbe wie bei Ernst und Spiel. Mir geht es auch um ein Spielen, bei welchem ich zugleich an mir arbeite. Und mir geht es um ein Arbeiten, dass die Qualität des Spiels in sich trägt, das – bei allen Sachzwängen – spielerisch schwingt. Nur eines möchte ich nicht: Dass sich die Männer schweigend in die Heimwerkerkeller (oder hinter den PC) zurückziehen und die Frauen (auch in meinen Seminaren) alleine spielen und an sich arbeiten lassen.